Vorwort: Was ist Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS)

MCS ist eine umweltbedingte körperliche Beeinträchtigung. Beeinträchtigt ist die chemische Widerstandsfähigkeit des Körpers. Betroffene reagieren mit ausgeprägten körperlichen Beschwerden auf eine Vielzahl von Umweltchemikalien.

MCS zählt zu den chronisch-entzündlichen Multisystemerkrankungen. Die Reaktionen betreffen mehrere Organsysteme gleichzeitig und beruhen vielfach auf neuroimmunologischen Prozessen [1]. Bei MCS-Patienten können Erkrankungen, für die es im allgemeinen wirksame Behandlungen gibt, oft nicht ohne Weiteres erfolgreich behandelt werden, da die nötigen Medikamente und Materialien nicht eingesetzt werden können. MCS zählt zu einer der schwersten bekannten Erkrankungen. [2]

Epidemiologische Erhebungen zeigen, dass MCS keine seltene Erkrankung ist. Selbst bei einer sehr konservativen Schätzung von 0,5 % der Bevölkerung ergibt sich für Schleswig-Holstein ein Arbeitswert von mindestens 15.000 schwer betroffenen Personen. MCS betrifft damit keine Einzelfallgruppe, sondern eine relevante Bevölkerungsgruppe mit spezifischen Schutzbedarfen.

[1] MCS ist keine Allergie. MCS ist keine psychische oder psychosomatische Erkrankung. 
[2] Multiple Chemikalien-Sensitivität—Fachinformation des Verbandes Deutscher Umweltmediziner. Abgerufen 01. Februar 2026, von https://www.egku.eu/fileadmin/user_upload

Krankheitsgeschehen und Bezug zur Umwelt

Die Beschwerden bei MCS treten in direkter Abhängigkeit von Umwelteinflüssen auf. Kennzeichnend ist, dass bereits alltägliche chemische Expositionen – wie sie in Wohn-, Arbeits- oder öffentlichen Räumen üblich sind – schwere körperliche Reaktionen auslösen können. 

Die gesundheitlichen Reaktionen sind ausgeprägt, erfolgen auf sehr geringe Mengen chemischer Stoffe und betreffen mehrereKörpersysteme. Sie erfolgen auf alltagsübliche chemische Stoffe.

Es gibt festgelegte Kriterien für die Diagnostik (1987, Cullen und 1999, Atlanta). Die Klassifizierung im ICD-10 erfolgt nach Code T78.4, der die Erkrankung gebündelt mit anderen Krankheitsbildern erfasst. Die Behandlung erfolgt durch die Fachdisziplin „Klinische Umweltmedizin“.

Der Erkrankung liegen mehrere sich überlagernde Mechanismen zugrunde, die die Schutz und Regulationssysteme des Körpers grundlegend beeinflussen. Dazu gehören insbesondere: 

  • eingeschränkte Fähigkeit zur Entgiftung aufgenommener Chemikalien
  • genetische Polymorphismen
  • chronische Entzündungsprozesse
  • Störungen der zellulären Energiebereitstellung (Mitochondrien/ATP)

Charakteristisch für MCS ist ein dynamisches Geschehen: Jede Exposition führt zu einer Absenkung der Auslöseschwelle gegenüber weiteren Expositionen. Die Beeinträchtigung ist daher nicht statisch, sondern in hohem Maße von den Umweltbedingungen abhängig.

Nach Exposition mit unverträglichen Stoffen kann es zu Zustandsverschlechterungen kommen („Crash“). Diese können irreversibel sein. Die Symptome können sofort oder zeitverzögert auftreten und Stunden, Tage oder länger anhalten; die Symptome bleiben Außenstehenden in der Regel verborgen. Je nach Verlauf kann es zum Verlust der Selbstfürsorge und Bindung an das Haus oder Bett kommen.

Der Alltag von Menschen mit MCS ist von permanenter Wachsamkeit und einem hohen organisatorischen Aufwand geprägt – vielfach bei anhaltenden Symptomen.[1]

Zu den Symptomen zählen:

  • Brennschmerzen in den Atemwegen
  • Fatigue bis zur Bettlägerigkeit im abgedunkelten Raum.
  • Herzrasen/Posturales Tachykardie-Syndrom (POTS)
  • Brain Fog, Kognitive Störungen - bis zur Unfähigkeit, ein Gespräch zu führen.
  • Störung von Konzentration, Merkfähigkeit, Denken.
  • Muskelschmerzen
  1. Individuelle Chemische Verwundbarkeit durch Umwelteinflüsse
    Die Umwelt spielt bei MCS eine zentrale Rolle und lässt Beeinträchtigung und Behinderung miteinander interagieren. Es entsteht eine gesundheitliche Abhängigkeit von der Umwelt. Reihen sich z. B. allgegenwärtige Expositionen aus dem Umfeld aneinander, treten Symptome häufiger auf und die Auslöseschwelle sinkt.
    Symptome treten somit nicht dauerhaft gleichförmig auf, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit der chemischen Umgebung.
     
  2. Fortschreiten der Erkrankung durch Umwelteinflüsse – Umwelt als aktiver Krankheitsfaktor
    Schadhafte Umweltbedingungen bzw. Expositionen fördern das Fortschreiten der Erkrankung. Fortschreiten bedeutet:
    -  Die Zahl der unverträglichen Stoffe nimmt zu. Die auslösende Schwelle nimmt ab.
    -  Die Vielzahl von Symptomen nimmt zu. Symptome treten häufiger und schwerer auf.
    Eine ursächliche Heilung von MCS ist derzeit nicht bekannt. Die medizinisch anerkannte zentrale Maßnahme lautet: Vermeidung chemischer Expositionen. Nur durch eine möglichst schadstoffarme, chemisch sichere Umgebung kann der Gesundheitszustand stabilisiert und eine weitere Verschlechterung verhindert werden.
     
  3. Umwelt als aktiver Krankheitsfaktor
    Bei MCS ist die Umwelt nicht lediglich ein äußerer Rahmen, sondern ein aktiver Faktor im Krankheitsgeschehen. Chemische Belastungen wirken nicht nur als Auslöser einzelner Symptome, sondern beeinflussen den Krankheitsverlauf insgesamt und können ihn verschlechtern. 
    Gesundheit, Teilhabe und Umwelt stehen bei MCS somit in einem engen Wechselverhältnis. Ohne die Berücksichtigung dieser Wechselwirkungen ist das Verständnis der Erkrankung unmöglich.

[1] Der Schutz vor belastenden Umwelteinflüssen und die Aufrechterhaltung eines konsequent gesundheitsfördernden Lebensstils sind bei MCS keine beiläufigen Entscheidungen, sondern bestimmen und strukturieren den gesamten Tagesablauf. Wohnraum, Kleidung, Lebensmittel, Medikamente, Körperpflegeprodukte, Umfeld und soziale Kontakte müssen sorgfältig geprüft und fortlaufend angepasst werden. Trotz dieser umfassenden Bemühungen bleiben Symptome häufig alltagsbestimmend, da Betroffene trotz individueller Schutzmaßnahmen unfreiwilligen Expositionen aus der Umwelt ausgesetzt sind.

Bedeutung von Umweltbedingtheit bei MCS: Beeinträchtigung durch Behinderung

Teufelskreis aus Krankheit und Teilhabeverlust durch Umwelteinflüsse

Da schadhafte Umweltbedingungen zum Fortschreiten der Erkrankung führen, entsteht ein Teufelskreis aus Umweltbelastung, gesundheitlicher Verschlechterung und zunehmendem Verlust von Teilhabemöglichkeiten: Mit Fortschreiten der Erkrankung steigt die chemische Verwundbarkeit – damit steigen die Anforderungen an ein sicheres Umfeld. Das wiederum verschlechtert die Teilhabemöglichkeiten und verschlechtert die Versorgungslage.

Barrieren haben bei MCS somit einen Verstärkungseffekt: Je mehr Barrieren auftreten, desto umfassender werden die Einschränkungen. Chemische Barrierefreiheit ist der Schlüssel, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Atemluft als nicht individuell kontrollierbarer Faktor

Atemluft stellt für Menschen mit MCS nicht den einzigen, aber einen entscheidenden Faktor für Gesundheit und Sicherheit dar. Luftgetragene Chemikalien können nicht individuell gefiltert oder umgangen werden und wirken fremdbestimmt auf die Betroffenen. Expositionen erfolgen häufig unvorhersehbar und ohne Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen. Die gesundheitliche Sicherheit von Menschen mit MCS hängt nicht allein von ihrem eigenen Verhalten ab, sondern wesentlich von den Umweltbedingungen und dem Verhalten anderer Personen, etwa vom Verzicht auf Rauchen, Duftstoffe oder Raumbeduftung.

Menschenkontakt als Expositionsquelle

Chemische Belastungen gehen bei MCS nicht nur von Materialien oder Orten aus, sondern häufig auch von anderen Menschen, genauer von Produkten, die andere Menschen verwenden: Duftstoffe aus Körperpflegeprodukten, Waschmitteln oder Reinigungsmitteln haften an Kleidung, Haut und Haaren anderer Menschen und werden kontinuierlich an die Umgebungsluft abgegeben. Rauch von Zigaretten, Verdampfern usw. sind bei MCS weitere Barrieren in der Umgebung von Menschen.

Dadurch können bereits kurze Begegnungen oder soziale Nähe zu gesundheitlich relevanten Expositionen führen. Menschenkontakt erhält für Betroffene eine umweltbezogene Dimension, die bei der Betrachtung von Teilhabe und Gesundheitsschutz berücksichtigt werden muss.

Chemische Barrieren und Schutz der körperlichen Unversehrtheit

Chemische Expositionen hindern Menschen mit MCS nicht nur an der Teilhabe, sondern stellen eine unmittelbare Gefährdung ihrer körperlichen Unversehrtheit dar. 

Es geht um Schutz der körperlichen Unversehrtheit sowohl in Räumen mit Verpflichtung zur Barrierefreiheit als auch in privaten Räumen: Zwangsexpositionen, etwa durch Passivrauch oder Duftstoffe, erfolgen häufig wiederholt und ohne realistische Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen. Betroffenen fehlt dadurch die Möglichkeit, ein Leben ohne Expositionen zu führen.

Der Abbau chemischer Barrieren und das Umsetzen von Schutzmaßnahmen dient daher nicht bloß der Inklusion, sondern dem Schutz vor gesundheitlicher Schädigung. Expositionen stellen bei MCS eine Form von Gewalt dar, da sie die körperliche Unversehrtheit verletzen und nicht freiwillig hingenommen werden.

Bedeutung von Chemischer Verwundbarkeit bei MCS: Versehrbarkeit und Gewalt

Die hohe Verwundbarkeit bei MCS ist eine individuelle Abweichung von der Norm durch eine Beeinträchtigung – dennoch werden gemeinhin gültige Normen/Grenzwerte im Alltag auf Menschen mit chemischen Behinderungen übertragen (mittelbare Diskriminierung).

  1. Umweltgesundheit: Umweltbedingungen und individuelle Verwundbarkeit

Individuelle Verwundbarkeit: Chemische Widerstandsfähigkeit ist eine individuell unterschiedliche Fähigkeit. Auch im Laufe des Lebens verändert sie sich[1].Biologische Faktoren, hormonelle Veränderungen, frühere Belastungen und Lebensumstände spielen eine Rolle. 
Umweltgesundheit: Umweltbedingungen bestimmen, wer gesund, sicher und teilhabefähig leben kann. Wenn chemische Belastungen auf eine geringere Widerstandsfähigkeit treffen, werden sie zur Grenze für Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.

Das Wechselspiel aus (chemischen) Umweltbedingungen und individueller Widerstandsfähigkeit ihnen gegenüber ist entscheidend bei MCS. Werden individuelle Unterschiede nicht berücksichtigt, entstehen systematische Nachteile, die zu Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen führen.

  1. Widerstandsbezogene Diskriminierung und Chemische Gewalt

Widerstandsbezogene Diskriminierung und chemische Gewalt als umweltbezogene Formen von Gewalt und Diskriminierung sind bislang nicht anerkannt oder berücksichtigt – sie bilden den Kern der täglichen Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit bei MCS.

Widerstandsbezogene Diskriminierung: Sie entsteht dort, wo Unterschiede in der Verwundbarkeit gegenüber Umweltchemikalien nicht berücksichtigt werden. Chemische Expositionen werden dort nicht als Teilhabebarrieren, sondern als zumutbar betrachtet. Sie zeigt sich insbesondere dort, wo gesetzliche, medizinische und gesellschaftliche Systeme chemische Barrieren nicht als gleichwertige Teilhabebarrieren anerkennen und individuelle Unterschiede in der Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltchemikalien ignoriert oder abgewertet werden. Die Folge ist Ausschluss und ein erhöhtes Risiko für chemische Gewalt.

Chemische Gewalt: Wiederholte oder dauerhafte chemische Expositionen, denen Menschen mit MCS unfreiwillig ausgesetzt sind, führen zu schlechten Verläufen der MCS, Schmerz, Kontrollverlust über die eigene körperliche Unversehrtheit und Verlust der Selbstbestimmung über den Aufenthaltsort. Chemische Gewalt entsteht dort, wo verletzende chemische Expositionen fortgesetzt, geduldet und gesellschaftlich normalisiert werden – insbesondere in Situationen, in denen Betroffene keine Möglichkeit haben, sich zu entziehen. 
Chemische Gewalt ist häufig mit emotionaler oder psychischer Gewalt verbunden. Zwänge von Betroffenen, chemische Gewalt zu erdulden, werden im Alltag durch falsche Rückschlüsse oft als Nichtvorliegen von Gewalt fehlgedeutet. Da Expositionen oft im sozialen Nahraum stattfinden – etwa in der Familie, am Arbeitsplatz oder in Unterstützungsbeziehungen – geht sie mit Abhängigkeit, Ohnmacht, Verrat, Vertrauensbruch und Isolation einher. Oft ist sie verbunden mit dem Verhalten von Bezugspersonen und der Verwendung von parfümierten Pflegeprodukten, Rauch oder Reinigungsstoffen. Chemische Gewalt verletzt auf mehreren Ebenen zugleich, ist gesellschaftlich jedoch nicht als Form der Gewalt anerkannt. Die daraus entstehenden Traumatisierungen verstärken die körperliche und soziale Verletzbarkeit bei MCS erheblich.[2]

[1] Niedrigere Widerstandsfähigkeit z.B.im Kindesalter, bei Schwangerschaft chronischen Erkrankungen
[2] Für das Erleben von Gewalt ist nicht ausschlaggebend, wie sie verursacht wird, sondern ihre Wirkung. Im Mittelpunkt stehen daher die Folgenchemischer Expositionen für Gesundheit und Selbstbestimmung.

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